Steffi Lampe

“Bin heut’ zum ersten Mal da” – Kellnern lernen in der naTo
** Langfassung

Steffi Lampe 2007

Steffi Lampe, Jahrgang 1974, seit 1991 naTo-Besucherin. Studium der Puppenspielkunst an der Hochschule „Ernst Busch”, Berlin und Gestaltung an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein, Halle. Heute freie Puppenspielerin, Schauspielerin, Gestalterin und Regisseurin.

Es war im Sommer 1991. Ferienzeit.

Die damals eher noch grauen Straßen Leipzigs staubig, heiß und menschenleer gefegt.

Wer konnte, war auf Reisen in ferne Länder. Oder lag faul am See, um am Abend die Freisitze, der damals noch relativ rar gesäten Leipziger Szenekneipen, zu bevölkern. (Das Killi Willy gegenüber der Nato war gerade erst eröffnet. Viel gab’s noch nicht auf der Südmeile Leipzigs. Beyerhaus, Lichtwirtschaft, Eiskeller für den der’s einschlägig mochte.)

Mit der Nato traf es neugieriger Mann und Frau aber wohl immer noch am besten – Kneipe, Kino, Konzerte mit Krause-Zwieback, Jens-Paul Wollenberg. Und eben coole Leute in der Bewirtschaftung, die alle irgendwie etwas Verwegenes und Eigenes hatten, untereinander aber sehr familiär oder kiezig wirkten wie man heute sagen würde.

Ich war damals gerade 17 Jahre alt, begann mein Fachschulstudium für Sozialpädagogik, wohnte (wie es sich gehörte) mit meinem ersten Freund in einer WG in Connewitz.

Wie alle jungen Studis wollte und musste ich mich natürlich auch um Gelegenheitsjobs kümmern, um Geld zu verdienen für den neuen freien Lebenswandel. Sowieso oft in der Nato, dachte ich, das Angenehme mit dem Nützlichen und Notwendigen zu verbinden. Kurz: ich fragte eines Abends, ob sie nicht zufällig Tresenkräfte gebrauchen können.

Da ich noch sehr jung war und völlig unausgebildet in der Gastronomie, schrie natürlich keiner laut „Hurra!“. Aber ich durfte zumindest meine Telefonnummer da lassen, und wie es manchmal so ist, klingelte nach ein, zwei Wochen das Telefon: „Bei uns ist jemand krank geworden. Kannst Du morgen?“

Ich also am nächsten morgen nix wie hin. Tagesdienst: 10 Uhr anfangen.

Olaf empfing mich locker und freundlich, erklärte mir kurz den Tresen. Oben Schnaps, in der Mitte Gläser, Bier da, Fässer dort, Anschluss da, alkoholfreie Getränke dort. Kasse geht so, notfalls auf der Liste nachsehen. Außerdem stellte er mir meine Kollegin vom Dienst vor, die zufälligerweise auch Steffi hieß. Wünschte einen „Guten Tag“, er sagte, sie würde mir dann den Rest erklären und mich einarbeiten, außerdem wäre es ja Sommer und so früh am Tage eh noch nicht so viel Andrang zu erwarten. Und es wäre im Prinzip alles ganz einfach. Und entschwand zum Wareneinkauf.

Meine Kollegin Steffi (eine nette, eher kleine und zierliche Mittdreißigerin in einem dünnen Leopardenmusterkleidchen) meinte, es ginge ihr heute nicht so gut. Kopfschmerzen, wenig geschlafen usw. lächelte, legte „The Mamas and the Papas“ in den CD-Player ein, „Summer in the City“ und „Dream a Little Dream of Me“.

Sie fragte mich, wie alt ich wäre und was ich sonst so mache. Ohne dass ich erkennen konnte, ob oder was ,von ich erzählte wirklich bei ihr ankam, zeigte sie mir noch die Küche und ein paar Details wie Eismaschine und Mülleimer. Sagte dann, es sei ja nicht so viel los und legte sich auf eine der roten Lederbänke ein bisschen Schlaf nachholen.

Nun war ich also allein hinterm Tresen. Durch die weit geöffneten Eingangstüren drangen die Strahlen der Vormittagssonne und das Kreischen der Mauersegler in eine nun doch ein bisschen verlassen wirkende Welt, die es zu ergründen galt.

Was da so alles lag und herum stand: dunkelbunte Batterien und Arsenale von Flaschen mit mir unbekanntem Inhalt. Ich las die Etiketten und fragte mich, was das wohl alles ist und wie man das trinkt.

Es dauerte nicht lange und es traf auch tatsächlich der erste Gast ein. Er war ein fülliger Rockertyp à la ZZ Top. Sichtlich entspannt mit einer Zeitung unterm Arm, lümmelte er sich an einen äußeren Tresenplatz und bestellte ein Bier.

Ich lächelte unsicher und sagte so was wie „Äh ja, gern.“. Stellte den Bierhahn an, das Glas darunter, erschrak über den vielen Schaum, nahm zwei neue Gläser und entschuldigte mich ich mit den Worten „Bin heut zum ersten mal da. “ ZZ Top“ zeigte sich amüsiert, geduldig und ergebnisorientiert. Er bot mir an zu zeigen, wie man Bier zapft. Ich nahm natürlich gern an und lernte meine erste Lektion.

Als er dann sichtlich zufrieden sein Bier hatte und wieder saß, beantwortete er mir noch einige Fragen zu den für mich so ominösen bunten Schnapsflaschen. Zum Beispiel warum die kopfüber aufgehängt sind, wie man das trinkt, was wie schmeckt.

Dann kamen kleckerweise weitere Gäste. Ich: stolz, freundlich und beflissen, zapfte Bier, goss Wasser und Orangensaft in Gläser und dachte: ‚Na, läuft doch super. Im Prinzip alles kein Problem. Wie Olaf gesagt hatte. Und keiner merkt, dass ich ganz neu bin und eigentlich (noch) keine Ahnung habe.

Bis einer kam, der einen Gin Tonic wollte. Ich überlegte kurz, was da wohl drin sein könnte und entschied, es müsse sich wohl um Gingerale und Gin handeln. Fragte noch sehr professionell: „Wie viel Eis?“ und schenkte ein.

Der Gast war mäßig begeistert über meine „kreative“ Mischung und fragte was das sein soll. Ich gestand, dass ich mangels Kenntnis geraten hatte und entschuldigte mich. Daraufhin behielt der Gast sein Getränk, lachte kopfschüttelnd und erklärte mir das Einmal-Eins der Zusammensetzung einfacher Standard-Mixgetränke.

Gegen 14 Uhr erhob sich meine Kollegin dann um mir zu sagen, sie müsse nun gehen. Es gehe ihr einfach immer noch schlecht, es würde ja nicht so viel Betrieb sein und Olaf vom Einkauf dann bald wieder zurück kommen.

So machte ich also weiter. Nur das ich mich bei mir unklaren Bestellungen meiner Gäste nun lieber gleich aufs höfliche Nachfragen verlegte. Nach dem Motto „Tschuldigung, bin heut´

zum ersten Mal …“usw. Sorgte damit jedoch meist für amüsiertes Wohlwollen der Gäste und erhielt dafür quasi aus erster Hand die wesentlichen Unterweisungen ins Kneipenhandwerk.

Gegen 18-19 Uhr, es war inzwischen doch schon voller geworden, kam Olaf. Ich hatte inzwischen einen recht respektablen Tagesumsatz gemacht und schilderte ihm in Kurzform das Geschehen. Olaf lachte und fragte mich, ob ich am nächsten Tag wiederkommen wolle.

Ich wollte, kam und lernte die damals berühmten Kaiserbrötchen und Nato-Spezialsalate zu zubereiten, einiges mehr über diverse Getränkemischungen und ihre Wirkung. (Gut gegen Kopfschmerzen: Cola oder kalter Kaffee mit Zitrone und Zimt)

Meine Kollegin Steffi habe ich nicht wiedergesehen. Aber ich erinnere mich gern an sie und an Anke, eine weitere Kollegin. Sie war damals ebenfalls so Mitte Ende Dreißig und lernte quasi bei der Arbeit einen Franzosen kennen. Ein für damalige Verhältnisse eher etwas „späte große Liebe“ mit Erfüllung des Babytraums.

Hinterm Tresen arbeitete sie dann nicht mehr, kam uns aber gelegentlich auf Kinderwagentour besuchen und erntete dann stets große freudige Anteilnahme der Kollegen und Kiezbewohner am „ Aussteigerglück“.

Es war eine besondere Zeit diese sogenannten „wilden Nachwendejahre“ und ich bin froh, dass ich damals dabei sein durfte als Küken im „Nato-Clan“.


 

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